Graphic Novel

Orchestraler Jazz, fließend auf der Grenze von Einfachheit und Komplexität: Sven Heinze und Luis Reichard veröffentlichen nach fast drei Jahren gemeinsamer Arbeit ihr Debut Album Graphic Novel. Heinze ist Komponist, Arrangeur und Dirigent, Reichard Trompeter und Produzent. Die Inspiration zu Graphic Novel speist sich aus ihrem Studium von Jazz und klassischer Musik, dem gemeinsamen Musikhören (Leonard Bernstein, radio.string.quartet.vienna, E.S.T. SYMPHONY) und der Beschäftigung mit Theorien des Musikphilosophen Joseph Schillinger. 

Entstanden sind acht Stücke für Streichquintett, Flügelhorn und Schlagzeug. Jazztypische Grooves, Harmonien und Improvisationen sind dabei ebenso zu finden wie auch viele polyphon auskomponierte Passagen, Minimal Music Patterns und schwebende Klangflächen.

„Für diese Besetzung zu schreiben war eine Herausforderung“, erinnert sich Reichard. „Wir wollten die spielerischen Möglichkeiten der Streichinstrumente voll ausschöpfen.“ Und tatsächlich hört man beim Vertieftem Hören eine Fülle an Flageolets, Doppelgriffen und Pizzicati. An einigen Stellen sind sogar feine perkussive Effekte notiert, die mit dem Bogenrücken gespielt werden – col legno battuto in der Fachsprache. Heinzes Erfahrungen, die er beim Schreiben zahlreicher Orchesterarrangements u.a. für das Funkhausorchester des Westdeutschen Rundfunks gesammelt hatte, waren hierbei unverzichtbar. „Auf Graphic Novel finden die hohen Ansprüche an eine klassische Partitur mit der Spontaneität eines groovigen Jazztunes zusammen“, fasst Heinze zusammen.

Für die Aufnahme des aufwändigen Programms zogen sich Heinze und Reichard mit ihren Mitmusiker*innen auf den Buchnerhof in Südtirol zurück. Das Holzhaus mit seiner charakteristischen Akustik bot das passende Ambiente für konzentriertes Arbeiten. Die Musiker spielten gemeinsam in einem Raum, interagierten und genossen in den Spielpausen den Blick ins Tal.

„Die Echtheit der Performance, das gemeinsame Musizieren und auch Resonieren der Instrumente macht die Aufnahme sehr besonders und hat auch meine Arbeit am Mix von Anfang an bestimmt“, bestätigt Toningenieur Patrick Leuchter. Und so klingt das Ergebnis lebendig und warm, die Streicher singend, das Schlagzeug federnd und Reichards Flügelhorn klar und ausdrucksstark.

Was hat es aber nun mit den Grafiken auf sich, die sich auch im Booklet und Albumtitel wiederfinden? Jedem Stück liegt eine solche Grafik zugrunde, entstanden aus Zahlenverhältnissen, die Heinze am Computer zu geometrischen Mustern verdichtete und die für erste musikalische Skizzen rhythmisch gedeutet wurden. Freie Assoziationen führten zum Titel des Stücks und beeinflussten die Atmosphäre der Komposition stark. So lässt sich in jedem Stück eine Geschichte vermuten, die sich beim Hören entfaltet.

Dandelion eröffnet das Album. Die motivische Reduktion und das gleichmäßige Rubato geben dem Stück etwas Zeitloses. Direkt zu Beginn zieht ein einzelner, fragiler Ton der Bratschistin Pauline Buss den Hörer in den Bann des rein akustischen Sounds, der das ganze Album auszeichnet. Die Expressivität der nacheinander einsetzenden Streicher macht neugierig und führt hinein in die klangliche Welt von Graphic Novel.

Sanft pulsierend und mit verhalten beschwingten Pizzicati schließt Sea Horse an. In dieser offenen, kammermusikalischen Komposition zeigt sich der Glanz des fünfstimmigen Streichersatzes, das Schlagzeug fügt sich behutsam ein und das Flügelhorn tupft improvisatorisch Kommentare.

Fortress und Rose Window sind zwei aneinander gekoppelte Stücke. Geprägt vom rhythmischen „Zwei gegen drei“ besticht Fortress durch federnden Groove und große dynamische Bögen. Einen deutlichen Kontrast hierzu bildet der prägnante Drum Groove direkt zu Beginn von Rose Window – er bildet das Gerüst für eine eingängige Melodie im Siebenvierteltakt. Dann überrascht das Ensemble mit einem rhythmisch ausdifferenzierten Mittelteil, der trotz des komplizierten Takts organisch rollt. Hier leistet Schlagzeuger Jeroen Truyen Großartiges.

Auch bei Anemone legt Truyen die Grundierung. Die Streicher scheinen über dem Rhythmus zu schweben, eine elegische Flügelhornmelodie sorgt für eine geradezu schwelgerische Atmosphäre. Mit einem Bass Solo, gefühlvoll gespielt von der Kölner Szenegröße Stefan Schönegg, verklingt – ja verblüht die Anemone.

Parachute ist von Kontrasten geprägt: Eine geheimnisvoll-sehnsüchtigen Melodie, (rhythmisch inspiriert von der Fibonacci-Reihe) mündet in ein dramatisches Geigensolo, expressiv gespielt von Anna Neubert. Das Stück beschleunigt sich und fällt dann gleichsam in den Abgrund mit druckvollen Achtelketten und Drum ‘n‘ Base Groove. Nach einer sehnsuchtsvollen Cellokadenz (Beate Wolff) erfährt es seinen leisen Höhepunkt in Schöneggs abschließender Improvisation.

Doch damit nicht genug: Violinist Enis Hotaj leitet mit einer improvisierten Kadenz über zu Bloom. Klare Harmonien treffen auf die rhythmische Komplexität des Siebenvierteltakts. Hier schießen beim Hören sofort Bilder in den Kopf; das Thema könnte aus der Filmmusik für einen der Mittelerde-Filme stammen. Noch komplexer wird die Rhythmik im Soloteil – Reichard improvisiert mit schlafwandlerischer Sicherheit über die ihn tragenden Streicherklänge.

Ebenfalls rhythmisch beginnt das Schlussstück Boxwood. Doch die Atmosphäre ändert sich schlagartig – schwere krachende Akzente der Schlagzeug/Streicher-Gruppe liefern sich eine filmreife Verfolgungsjagd mit einer rotzig kommentierenden Flügelhornimprovisation. Am Ende vereinen sich die Kontrahenten. Was folgt ist eine von Heinze akkurat gesteuerte dynamische Steigerung über mehrere Minuten: pulsierende Flageolets und Tremoli, eine Melodie, die zunehmend polyphon ausdifferenziert wird und in ein dramatisches Fortissimo mündet. Am Ende bewirkt eine genial auskomponierte motivische Verlangsamung, dass sich die Szenerie wieder beruhigt und der Kreis zu Dandelion sich schließt.

Jazzfans werden Graphic Novel ebenso mögen wie Freunde von Minimal Music. Wer hingebungsvoll performte Musik mag, findet auf Graphic Novel charakteristischen Crossover – und im besten Fall viele faszinierende Geschichten.

Credits

Komponiert und arrangiert von Sven Heinze und Luis Reichard im Frühjahr 2017 im Kloster Kamp und anderswo.

Aufgenommen im November und Dezember 2017 auf dem Buchnerhof bei Bozen von Patrick Leuchter (www.patrickleuchter.com). Aufnahmeleitung Luis Reichard (www.luisreichard.de). Assistenz Wilko Nordholz.
Gemischt 2017-2019 im Hidden Track Studio Köln von Patrick Leuchter.
Produziert von Sven Heinze, Luis Reichard und Patrick Leuchter
Gemastert im Frühjahr 2019 von Zino Mikrorey, Berlin.
Designed im Frühjahr 2019 von Pierre Hansen, Aachen.

Mitwirkende:

Sven Heinze – Dirigat und musikalische Leitung
Luis Reichard – Flügelhorn
Anna Neubert – Violine
Enis Hotaj – Violine
Pauline Buss – Viola
Beate Wolff – Violoncello
Stefan Schönegg – Kontrabass
Jeroen Truyen – Schlagzeug